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Verfasst von Nicole Renggli, Inhaberin younique hr consulting | Nicole Renggli | LinkedIn
Es gibt Momente im Berufsleben, die uns lange begleiten. Nicht, weil sie besonders spektakulär waren. Sondern weil sie etwas in uns berühren.
Ich erinnere mich an eine Mediation, die ich vor einiger Zeit begleiten sollte. Die Ausgangslage schien klar: Zwei Menschen fanden nicht mehr zueinander, die Zusammenarbeit war schwierig geworden. Doch je tiefer ich eintauchte, desto deutlicher wurde: Die Entscheidung war längst gefallen. Das Unternehmen wusste bereits, dass die betroffene Person entlassen werden würde. Die Mediation war keine echte Chance auf Verständigung mehr, sie war eine Alibiübung. Ich sass dort und fragte mich: Was mache ich hier eigentlich?
Natürlich hätte ich den Auftrag professionell ablehnen können. Niemand hätte mir einen Vorwurf gemacht. Und trotzdem blieb dieses unangenehme Gefühl. Denn Mediation bedeutet für mich, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich wieder zu begegnen. Gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Wenn das Ergebnis jedoch bereits feststeht, verliert der Prozess seinen Sinn. Und ich verliere ein Stück dessen, wofür ich als Mediatorin stehe. Ich habe den Auftrag beendet. Doch das Gefühl blieb.
Nicht wegen der Mediation selbst. Sondern wegen der Erkenntnis, dass wir im Berufsalltag immer wieder in Situationen geraten können, die unseren eigenen Werten widersprechen. Vielleicht sollen wir eine Entscheidung vertreten, die wir innerlich nicht mittragen. Vielleicht werden wir gebeten, einer Kundin oder einem Kunden etwas zu versprechen, obwohl wir wissen, dass es kaum eingehalten werden kann. Vielleicht sollen wir über ein Verhalten hinwegsehen, das wir eigentlich ansprechen müssten. Oder wir übernehmen Aufgaben, bei denen sich innerlich alles sträubt.
Die wenigsten Menschen stehen täglich vor grossen moralischen Entscheidungen. Viel häufiger sind es die kleinen Momente. Die Bemerkung, über die wir lachen, obwohl sie unsere Grenzen überschreitet. Die E-Mail, die wir verschicken, obwohl sie sich falsch anfühlt. Das Schweigen in einer Sitzung, obwohl wir spüren, dass etwas nicht stimmt.
Es sind diese scheinbar kleinen Entscheidungen, die sich über Wochen, Monate oder Jahre summieren. Einmal ist selten das Problem. Doch was passiert, wenn aus dem Ausnahmefall ein Muster wird? Unsere Werte sind weit mehr als Begriffe wie Respekt, Fairness oder Ehrlichkeit. Sie prägen unser Selbstverständnis. Sie beantworten die Frage: Wer bin ich und wie möchte ich handeln? Sie sind unser innerer Kompass. Immer dann, wenn wir Entscheidungen treffen, meldet sich dieser Kompass. Manchmal laut. Oft ganz leise. Als ungutes Bauchgefühl. Als innere Unruhe. Als Zweifel. Viele versuchen, dieses Gefühl wegzudrücken.
"Es gehört halt dazu." "So ist die Arbeitswelt." "Ich muss einfach professionell bleiben." Das mag kurzfristig funktionieren. Doch unser Inneres vergisst nicht. Wenn wir immer wieder gegen unsere eigenen Überzeugungen handeln, beginnt etwas in uns zu erodieren. Nicht von heute auf morgen. Sondern schleichend. Wir entfernen uns langsam von der Person, die wir eigentlich sein möchten. Das zeigt sich nicht sofort. Vielleicht schlafen wir schlechter. Vielleicht verlieren wir die Freude an unserer Arbeit. Vielleicht werden wir gereizter, zynischer oder ziehen uns zurück. Vielleicht merken wir irgendwann, dass wir morgens zwar noch zur Arbeit gehen, innerlich aber längst gekündigt haben.
Als Mediatorin begleite ich häufig Konflikte zwischen Menschen. Mindestens genauso oft sehe ich jedoch einen anderen Konflikt. Den Konflikt zwischen einem Menschen und seinen eigenen Werten. Dieser bleibt für andere oft unsichtbar. Niemand erkennt ihn in einem Organigramm oder einer Stellenbeschreibung. Und doch ist er häufig der belastendste Konflikt überhaupt. Denn wir können anderen lange etwas vorspielen. Uns selbst gelingt das deutlich schlechter.
Viele sprechen dann von Stress, Überlastung oder fehlender Motivation. Das mag ein Teil der Wahrheit sein. Ich frage mich jedoch oft, ob hinter diesen Begriffen nicht etwas Tieferes steckt. Die Erschöpfung, die entsteht, wenn wir über lange Zeit gegen unseren inneren Kompass leben. Heisst das, wir müssten jedes Mal kündigen oder laut protestieren? Nein! Die Arbeitswelt besteht aus Kompromissen. Das ist normal. Aber Kompromisse sind etwas anderes als Selbstverrat. Deshalb lohnt es sich, sich immer wieder selbst Fragen zu stellen: Warum fühlt sich diese Aufgabe für mich falsch an? Welcher meiner Werte wird gerade verletzt? Kann ich das ansprechen? Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich? Und wenn ich nichts verändern kann, wie lange bin ich bereit, diesen Preis zu bezahlen?
Denn genau darum geht es. Um den Preis. Nicht jede Entscheidung gegen unsere Werte macht uns krank. Aber jede hinterlässt Spuren. Wer über Monate oder Jahre immer wieder gegen das handelt, was ihm wichtig ist, läuft Gefahr, sich selbst zu verlieren. Das kann sich in Erschöpfung, Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten oder körperlichen Beschwerden zeigen. Manche Menschen entwickeln ein Burnout oder eine Depression. Andere funktionieren weiter, bis irgendwann gar nichts mehr geht. Und selbst wenn der Ausstieg gelingt, braucht der Weg zurück oft viel Zeit. Manche finden ihre Kraft wieder. Andere nie mehr ganz.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir nicht erst dann über Werte sprechen, wenn Menschen bereits krank geworden sind. Sondern viel früher. Dann, wenn das erste ungute Gefühl auftaucht. Dann, wenn wir beginnen, uns selbst zu erklären, warum etwas "schon nicht so schlimm" sei. Dann, wenn unser innerer Kompass zum ersten Mal Alarm schlägt. Denn unsere Werte sind kein Luxus. Sie sind kein "Nice-to-have", das nur gilt, solange alles einfach ist. Sie sind das Fundament unserer Identität, unserer Entscheidungen und letztlich auch unserer Gesundheit.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage nicht: Wie komme ich wieder zu mir zurück? Sondern: Woran merke ich, dass ich mich gerade von mir entferne? Ich glaube, wir alle kennen diese Momente. Die entscheidende Frage ist nur, wie lange wir bereit sind, sie zu überhören.