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Verfasst von Nicole Renggli, Inhaberin younique hr consulting  | Nicole Renggli | LinkedIn​​

Urteilen ist menschlich. Verurteilen ist eine Entscheidung.

Ich sass im Zug Richtung Locarno und beobachtete einen Mann gegenüber. Mitte fünfzig, teurer Anzug, das Telefon am Ohr. Seine Stimme ist laut, bestimmt, beinahe schroff. „Dann lösen Sie das einfach.“ Ich spüre, wie sich meine ersten Gedanken formen. Was für ein arroganter Mensch.
 

Keine zehn Sekunden später hält der Zug an. Eine ältere Dame steigt ein. Der Mann steht sofort auf, lächelt sie freundlich an und bietet ihr seinen Platz an. Kurz darauf klingelt sein Telefon erneut. Seine Stimme klingt plötzlich weich. „Hallo Mama … Ja, ich komme nachher noch vorbei.“ Sie lächelt.
 

Wie schnell wir doch Geschichten über Menschen schreiben und wie selten wir bereit sind, sie wieder umzuschreiben. Dabei urteilen wir alle. Nicht, weil wir schlechte Menschen sind. Sondern weil wir Menschen sind.
 

Unser Gehirn ist ein faszinierendes Organ. Jede Sekunde prasseln unzählige Informationen auf uns ein. Würden wir jede einzelne bewusst verarbeiten, wären wir hoffnungslos überfordert. Also vereinfacht unser Gehirn: Es sortiert Informationen, vergleicht sie mit Bekanntem, sucht nach Mustern und zieht daraus Schlüsse. Diese Fähigkeit hat uns über Jahrtausende das Überleben gesichert. Unsere Vorfahren konnten es sich nicht leisten, jede Situation lange zu analysieren. War das Rascheln im Gebüsch der Wind oder ein Raubtier? Lieber einmal zu viel fliehen als einmal zu wenig. Sicherheit entstand durch schnelles Einordnen.
 

Unser Gehirn macht bis heute genau das, wofür es über Jahrtausende trainiert wurde: Es ordnet blitzschnell ein. Früher ging es darum, Gefahren zu erkennen. Heute wenden wir denselben Mechanismus auf Menschen an. Innerhalb weniger Sekunden entscheiden wir, ob uns jemand sympathisch erscheint, ob wir ihm vertrauen, ob er kompetent wirkt oder ob wir ihn mögen. Diese schnellen Urteile sind zunächst weder richtig noch falsch. Sie sind menschlich. Der entscheidende Unterschied liegt an einem anderen Punkt.
 

Zwischen Urteilen und Verurteilen.
 

Urteilen bedeutet, einen ersten Eindruck zu gewinnen und eine Situation anhand der verfügbaren Informationen einzuordnen. Ein Urteil darf sich verändern. Es bleibt offen für neue Erkenntnisse. Verurteilen hingegen verschliesst diese Offenheit. Aus einer Vermutung wird eine Wahrheit, aus einer Beobachtung eine Eigenschaft und aus einem Verhalten plötzlich ein ganzer Mensch. „Sie ist unzuverlässig.“ „Er ist egoistisch.“ „Mit ihr kann man nicht arbeiten.“ Dabei wissen wir meist erschreckend wenig. Wir sehen einen Moment und nicht die Geschichte dahinter. Wir erleben eine Reaktion, nicht die Erfahrungen, die dahinterliegen. Wir hören einen Satz, nicht die Gedanken, die ihn hervorgebracht haben.
 

Und trotzdem fühlen wir uns erstaunlich sicher mit unserem Urteil. Vielleicht, weil Unsicherheit unangenehm ist. Vielleicht, weil es einfacher ist, Menschen in Schubladen einzuordnen, als Ambivalenz auszuhalten. Vielleicht aber auch, weil wir glauben, unsere Sicht auf die Welt sei die objektive Wirklichkeit. Doch sie ist es nicht. Sie ist unsere eigene Wirklichkeit.
 

Geprägt von unserer Erziehung, unseren Erfahrungen, Beziehungen, Erfolgen und Enttäuschungen und von den Werten, mit denen wir gross geworden sind. Genau diese Werte beeinflussen, wie wir andere Menschen beurteilen. Wer mit dem Glaubenssatz aufgewachsen ist, dass Leistung Anerkennung verdient, wird Fleiss anders bewerten als jemand, für den Fürsorge an erster Stelle steht. Wer gelernt hat, Konflikte direkt anzusprechen, empfindet Schweigen vielleicht als Desinteresse. Wer Harmonie als höchsten Wert erlebt hat, empfindet dieselbe Direktheit womöglich als Angriff.
 

Keiner von beiden liegt zwingend falsch. Sie blicken lediglich durch unterschiedliche Fenster auf dieselbe Welt. Genau deshalb geraten Menschen so häufig aneinander. Nicht, weil sie böse Absichten haben. Sondern weil sie davon ausgehen, dass ihre Sichtweise selbstverständlich ist. 
 

In meiner täglichen Arbeit als Mediatorin begegnet mir genau das immer wieder. Menschen sitzen sich gegenüber und sind überzeugt, den Konflikt bereits verstanden zu haben. „Sie respektiert mich nicht.“ „Er übernimmt nie Verantwortung.“ „Sie macht das absichtlich.“ Jede dieser Aussagen ergibt Sinn. Aus der jeweiligen Perspektive. Und genau dort beginnt Mediation. Nicht mit Lösungen oder Kompromissen. Sondern mit Zuhören. Mit echtem Zuhören. Eine der wirkungsvollsten Methoden in der Mediation ist das Paraphrasieren. Ich wiederhole nicht einfach das Gesagte. Ich versuche, das Gehörte so wiederzugeben, dass sich mein Gegenüber wirklich verstanden fühlt.
 

Oft entsteht genau in diesem Moment etwas Bemerkenswertes. Menschen entspannen sich nicht, weil plötzlich alles gelöst wäre, sondern weil sie sich zum ersten Mal wirklich gesehen fühlen. Danach lade ich beide Seiten ein, einen Perspektivenwechsel zu wagen. Nicht, um ihre Meinung aufzugeben. Nicht, um dem anderen Recht zu geben. Sondern um zu verstehen, weshalb die Situation für den anderen genau so aussieht. Das ist häufig der Wendepunkt. Plötzlich wird aus der „respektlosen Kollegin“ eine Frau, die sich seit Monaten übergangen fühlt. Aus dem „dominanten Vorgesetzten“ wird ein Mensch, der unter enormem Druck steht. Aus dem „unmotivierten Mitarbeitenden“ jemand, der seit Wochen nicht mehr weiss, wie er den Erwartungen gerecht werden soll. Die Fakten bleiben dieselben. Aber ihre Bedeutung verändert sich.
 

Und genau darin liegt die Kraft der Mediation. Nicht darin, herauszufinden, wer Recht hat. Sondern darin, sichtbar zu machen, dass zwei Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben können und beide ihre Wahrnehmung für wahr halten.
 

Verstehen bedeutet übrigens nicht, einverstanden zu sein. Ich muss ein Verhalten nicht gutheissen. Ich muss Grenzen nicht aufgeben. Ich muss meine Werte nicht verraten. Aber ich kann versuchen zu verstehen, wie ein Mensch zu seiner Haltung gekommen ist. Das verändert nicht immer den anderen. Aber fast immer mich selbst.

Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht weniger Urteile. Vielleicht brauchen wir mehr Demut gegenüber unseren eigenen. Mehr Neugier. Mehr Fragen. Weniger schnelle Antworten. Denn hinter jedem Menschen steckt eine Geschichte, die wir nicht kennen. Und vielleicht ist genau diese unbekannte Geschichte der Grund dafür, warum jemand heute so handelt, wie er handelt.

 

Als ich an den Mann im Zug zurückdenke, wird mir bewusst: Ich habe ihn nie wirklich gekannt. Ich kannte lediglich zehn Sekunden seines Lebens. Den Rest habe ich mir erzählt. Vielleicht beginnt ein respektvolleres Miteinander genau in dem Moment, in dem wir erkennen, dass unsere erste Geschichte über einen Menschen selten seine ganze Geschichte erzählt. Für mich ist das die Essenz jeder Mediation. Und vielleicht auch die Essenz gelingender Zusammenarbeit. Nicht Recht zu behalten. Sondern bereit zu sein, die eigene Geschichte über einen anderen Menschen immer wieder neu zu schreiben.

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