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Verfasst von Nicole Renggli, Inhaberin younique hr consulting | Nicole Renggli | LinkedIn
Er sitzt an seinem Schreibtisch. Der gleiche Schreibtisch, an dem alles begann. Die Kaffeetasse steht links, so wie immer. Auf der Fensterbank: Erinnerungen. Alte Fotos. Kleine Geschenke. Eine Uhr mit Gravur: „25 Jahre Erfolgsgeschichte“. Alles wie immer.
Auf dem Papier läuft die Nachfolgeregelung. In der Praxis läuft sie nicht.
Der Nachfolger ist da. Kompetent, engagiert, motiviert. Doch irgendetwas bremst. Entscheidungen ziehen sich. Verantwortung bleibt hängen. Alte Gewohnheiten mischen sich mit neuen Ideen. Und immer wieder diese Sätze: „Das haben wir früher anders gemacht.“ Oder: „Ich will ja loslassen, aber …“
Nachfolge ist kein administrativer Akt. Sie ist ein emotionaler Prozess. Und einer der schwierigsten überhaupt.
Denn was nach Strategie, Verträgen und Planung aussieht, ist in Wahrheit eine tief persönliche Angelegenheit. Wenn das Unternehmen über Jahrzehnte zum Lebenswerk geworden ist, bedeutet Loslassen nicht nur, Macht abzugeben, sondern ein Stück Identität, ein Stück von sich selbst.
„Wer bin ich, wenn ich nicht mehr gebraucht werde?“ Diese Frage steht unausgesprochen im Raum. Und sie lähmt. Viele Eigentümer wollen das Beste für ihr Unternehmen. Sie wünschen sich Kontinuität, Stabilität, Sicherheit. Doch genau dieser Wunsch führt manchmal dazu, dass sie unbewusst festhalten aus Sorge, dass sonst etwas verloren geht.
Für den Nachfolger wird das zum Balanceakt: führen dürfen, ohne zu überfahren.
Respekt zeigen, ohne sich klein zu machen. Gestalten wollen aber nur bis zu einer unsichtbaren Grenze. So entsteht ein stiller Konflikt: Der eine will loslassen, kann aber nicht. Der andere will gestalten, darf aber nicht. Und dazwischen steht ein Unternehmen, das auf der Stelle tritt.
Nachfolgeregelung ist mehr als ein Generationenwechsel. Sie ist ein Beziehungsprozess zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Kontrolle und Vertrauen, zwischen Bewahren und Erneuern.
Es geht um Verantwortung und um das Aushalten von Unsicherheit. Um das Eingeständnis, dass man etwas übergibt, das man nicht mehr ganz kontrollieren kann. Viele glauben, Loslassen bedeute Verlust. In Wahrheit bedeutet es etwas ermöglichen.
Raum schaffen, damit Neues entstehen kann. Doch das braucht Mut. Mut, das eigene Lebenswerk nicht als Besitz zu sehen, sondern als Beitrag. Mut, zu akzeptieren, dass andere anders führen und dass das gut so ist.
Nachfolge gelingt nicht, wenn sie nur auf dem Papier geregelt wird. Sie gelingt, wenn über Gefühle gesprochen werden darf, über Stolz, Angst, Zweifel, Verletzlichkeit. Wenn man nicht nur Übergabeprozesse plant, sondern Übergangsgespräche führt.
Denn in Familienunternehmen treffen Wirtschaft und Beziehung direkt aufeinander.
Leitung und Besitz liegen oft in einer Hand und mit der Nachfolge verschiebt sich dieses Gleichgewicht. Sachliche Fragen und emotionale Themen sind eng verflochten:
Wer führt künftig? Wer entscheidet? Wer bleibt beteiligt und in welcher Rolle?
Diese Fragen sind nicht nur organisatorisch. Sie berühren Identität, Vertrauen und Wertschätzung.
Genau hier liegt das Potenzial von Mediation. Sie schafft Raum, um beides anzusprechen, das Fachliche und das Menschliche. Ein Raum, in dem ausgesprochen werden darf, was sonst unausgesprochen bleibt.
Mediator:innen begleiten diesen Prozess. Sie helfen, Rollen zu klären, Erwartungen zu entwirren und Emotionen sichtbar zu machen, ohne zu werten. Sie ermöglichen, dass Gespräche wieder gelingen, in denen es nicht darum geht, wer recht hat, sondern was wichtig ist. Denn Nachfolge ist auch Mediation –zwischen Alt und Neu. Zwischen Erfahrung und Veränderung. Zwischen Loslassen und Vertrauen.
Loslassen ist kein Akt der Schwäche. Es ist ein Zeichen von Reife. Es bedeutet, Vertrauen zu schenken, in Menschen, in Strukturen, in das, was man aufgebaut hat. Am Ende geht es nicht darum, wer gewinnt oder wer recht behält. Sondern darum, dass das Werk weiterlebt. Und dass das, was einst begonnen wurde, eine Zukunft hat, vielleicht anders, aber nicht weniger wertvoll.
Nachfolge ist kein Ende. Sondern der Beginn einer neuen Verantwortung.
Für beide Seiten.